Glanzbilder, Oblaten, Liebesmarken, Rosenbilder .... -


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Diese Seite ist dem einzigen deutschen Hersteller von Glanzbildern in der Neuzeit gewidmet:

Ernst Freihoff.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" brachte einen großen Artikel über ihn im Jahre 1994. Dem ist (fast) nichts hinzuzufügen.

 


Wo treffen harfeschlagende Engel, Körbe voller Möpse und kleine Mädchen mit Pudding-Frisuren aufeinander? Genau: in Ernst Freihoffs einzigartiger Fabrik.

 

Der Herr der Glanzbilder

Von Elsemarie Maletzke

Wer Ernst Freihoff zum erstenmal begegnet, glaubt nicht, daß sein dezidierter Lebenszweck ist "den Menschen eine Freude zu bereiten": eine mächtige, etwas grimmige Gestalt mit großem Kinn und großen Altmännerohren, ein Chef im weißen Kittel. Nur wenn er lächelt, gewinnt er Ähnlichkeit mit einem anderen Menschenfreund - dem Kasper, dem das Lächeln übers ganze Gesicht reicht.

Im laufendem Stück wird Kasper von Krokodilen umkreist, die ‚' in 45 Jahren zehnmal versucht haben, mich kaputtzumachen''. Denn an Ernst Freihoff, dem gelernten Drucker und Spezialisten in feinen Papeterien, hängen eine ganze Branche und ein fettes Stück Marktanteil. Er ist ( und teilt sich diesen Ruf nur mit der englischen Mamelok Press in Bury St. Edmunds) weltweit einzig verbleibender Hersteller von Glanzbildern, Stammbuchblümchen, Vielliebchen, Oblaten- wie man die geprägten Bilderbögen zu nennen beliebt, auf denen Schwalben, mit Herzenspost im Schnabel und vergißmeinnichtumkränzte Hufeisen von Bündnissen sprechen, die meist weniger solide waren als Ihre Pfänder. "In allen vier Ecken soll Liebe stecken''- von wegen. Aber irgendwo zu Hause fliegt die Pralinenschachtel mit den Bildchen immer noch rum.

 

Bildunterschrift:
Ernst Freihoff in Coesfeld produziert jedes Jahr Millionen Bilderbögen. Nun ist er achtzig. Was wird aus diesem Werk?

 

Herr Freihoff kennt‚ "das gewisse Strahlen in den Augen'' älterer Damen, wenn sie anfangen, in seinen Bildern zu blättern, und es macht ihn glücklich. "Jugendtraum'' nennt er eine Serie von 75 verschiedenen Bögen, um deren Erfolg er sich keine Sorgen machen muß. Durch weiße Papierstege und wahlweise mit Glitzer bestreut bringt sie harfeschlagende Engel, Schäferinnen, Körbe voller Möpse, Kaninchenherzerinnen, apfelwangige Liftboys und kleine Mädchen mit Kirschenschnuten und Frisuren wie aus Vanillepudding gegossen in einen gewissen Zusammenhang. Früher haben Kinder solche Bildchen gesammelt und getauscht. Im 19. Jahrhundert waren in England "scrap books'' mit Sinnsprüchen und Widmungen große Mode. Heute entzücken sich erwachsene Frauen an Engelchen und Rosen. Warum das so ist, weiß Ernst Freihoff auch nicht. ‚'Das Mysterium Frau ist unergründlich''. Er bedient es mit acht neuen nostalgischen Bögen pro Jahr.

Auf seine Jugendtraumgeschöpfe ist auch die Konkurrenz scharf. Bisher ist es Herrn Freihoff gelungen, den Krokodilen mit der Pritsche aufs Haupt zu schlagen, aber nun ist er achzig, und die alte Schulter muß gerichtet werden. ‚'Kommen Sie morgen, ich gehe nächste Woche ins Krankenhaus, und wer weiß, was dann...''

Coesfeld im Münsterland ist kein Ort, den man aus freien Stücken oder seiner Attraktionen wegen (Walkenbrückerturm, Lambertikirche) aufsuchen würde. Im Industriegebiet, in der Nachbarschaft von Möbel- und Mülleimerproduzenten, wohnt und arbeitet Herr Freihoff. Kein Schild weist auf die Poesie und Einmaligkeit seines Gewerbes. Nur ausgewachsene Bäume ums Haus statt Tuja- Grundstücksbegrenzungen deuten auf einen eher traditionsbewußten Charakter. In einer Garage, verstaubt zwischen Kisten, eine alte Quick, auf der Freihoff 1948 durchs Ruhrgebiet knatterte, um Butterbrotpapier zu beliefern. Bis ihn einer auf Glanzbilder brachte. "Wat is dat? Ich als Junge....'' Und verkaufte sie bald in rauhen Mengen. Inzwischen sind es Millionen.

Mit einer bescheidenen Geste öffnet er eine feuerfeste Tür, sein Glanzbildlager: sehr bunt, sehr ordentlich. Auf langen Tischen ist in niedrigen Kästen viele hundert Male dasselbe Motiv draufsortiert: Dame mit Margeritenhut in rosenumranktem Rahmen mit zwei Kerzen. In den Regalen sind die Bögen zu Klippen geschichtet; durch die gestanzten, leicht verschobenen Kanten wirken sie wie Pakete aus bunten Sand: Grimms Märchen und Mother Goose, die Sixtinische Madonna und der Weihnachtsmann. Drei Hilfskräfte sortieren hier und tüten ein, je hundert Bögen pro Päckchen, alle verschieden:'' 50 Blumen, 50 allgemein''. Glitzerstaub liegt auf den abgetretenen Teppichen und adelt noch die Wollmaus in der Ecke. Früher war Herr Freihoff, auch in Filmpostkarten und Papierpuppen aktiv, die Relikte sind irgendwo zwischen Büro und Lager unter die Tische getreten. Seit Jahrzehnten regiert nur noch das Glanzbild.

Auf 182 Bögen besitzt ‚'ef''- so sind sie neben der laufenden Nummer gekennzeichnet- das Copyright; Bögen, die er nach Themen selbst arrangiert hat, wobei ihm die Zeit auf der Quick und über vierzig Jahre Marktforschung behilflich sind. Er weiß: ‚'In Nordrhein- Westfalen gehen keine Blumen; in Süddeutschland keine Kinder. Und: Nicht jede Blume geht überall; Obst und Gemüse gar nicht.'' Noch etwas hat er der ungeduldigen Konkurrenz immer voraus gehabt: Die Einsicht in das Maikäferprinzip.

Glanzbilder treten wie herbeizitierte Plagen alle vier Jahre auf. Im ersten Jahr ist die Nachfrage enorm, zwei Jahre nur so lala, dann ist Ruhe. Erst im vierten Jahr, wenn die Maikäfer wieder schlüpfen, will die Welt auch efs Glanzbilder sehen. 1991 waren es 4,5 Millionen Bögen. Seitdem ist die Nachfrage auf ein Viertel zurückgegangen. Bei den hohen Entwicklungskosten für einen neuen Bogen und den Pfennigen Gewinn, die er bringt, lohnen sich jedoch nur hohe Auflagen. Aus diesem Grund hält sich Freihoff von Übergangserscheinungen wie der Dinosaurierwelle fern- froh, sich 150 000 Schlümpfen entäußert zu haben. Für Teddys rechnet er sich Chancen aus, Schweine, Katzen –immer. Neues Design, etwas die großäugigen Elendsgestalten mit Schlaghosen an Laternenmasten, wie sie noch in jüngster Vergangenheit aus den Kunstabteilungen der Kaufhäuser starrten , erwiesen sich als Flop. Minder erfolgreich waren auch der etwa vierzig Jahre alte Bogen mit Schwalbe, Gitarre, Waldhorn und Tennisschläger. ‚' Der Bogen muß ein Thema haben.''

In Antiquariaten und auf Sammlermärkten stöbert Ernst Freihoff nach Auslaufmodellen einer anderen Zeit. Es soll alte Damen gegeben haben, die ihm für 200 Mark ihr Album verkauft haben, voll mit bildschönen Chromolithographien des 19. Jahrhunderts, die Freihoff neu zusammenstellt und nachdruckt. Er ist aber auch bereit, einen Tausender für ein Original im A3- Format auszugeben, die Nummer 7060 der Jugendtraum-Serie und sein Lieblingsbild: pausbäckiges, rotblondes Mädchen mit frühreifem Mund im weißen Spitzenkleid mit rosa Schleifen, die mollige kleine Pfote auf die Brust gedrückt, die Augen kokett zum Betrachter erhoben: Wofür hältst du mich? Vielleicht für das Mysterium Frau im Glanzbild?

Herr Freihoff wohnt allein in seinem weitläufigen Bungalow. Mittags um zwei hat er den Frühstückstisch vor den Fenstern zum Garten gedeckt, Tee und Kaffee gekocht, für jeden ein Ei. Draußen spaziert ein Kater vorbei, hinter ihm stöbert ein Igel durchs Herbstlaub. ‚'Da ist mein Schlafzimmerfenster'', unter der Weinpergola, und es mache ihm besondere Freude, jedes Jahr im Frühling ein Elsternpärchen beim Brüten zu beobachten. "Ich schöpfe Kraft aus diesem Umfeld.'' Es gibt Tage, da kann ihn der Glanz im Auge des Betrachters auch nicht mehr glücklich machen, da spürt er nur seine schmerzende Schulter. Noch einmal das ganz große Geschäft wagen, expandieren, Amerika mit Glitzerbildern überziehen- oder im Krankenhaus bleiben, aufgeben. Einen Nachfolger hat Ernst Freihoff nicht.

DIE ZEIT Nr. 13 vom 25. März 1994

 


 

Zu Besuch bei Ernst Freihoff am 06.05.1999 (verst. im Jahre 2000)

Originalvorlagen für zwei seiner Motive der Jugendtraum-Serie

Der Traum eines jeden Oblatenfreundes: Tausende von Bögen

 

 

Ernst Freihoff ist mittlerweile leider verstorben.

 

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Last update: 02.02.2002